Einmal Ostbahnhof und zurück.
24. Oktober 2010Aber, denkt sie und macht den Mund zu weit auf.
Widerlich, diese Arroganz, anstrengend, das Unwissen, lächerlich, das Bestreben.
Abwehrhaltung ohne Widerstand.
Ihre Kinder wippen mit den Beinen, schauen sich an, drücken die Nasen an den Scheiben platt.
„Guck, das ist die chinesische Flagge !“, schreit ein Mädchen, deutlich älter als ihr Bruder, der es besser weiß.
„Ne, die mit dem Kreuz ist von der Schweiz.“
Sie glaubt ihm nicht, beharrt auf der roten Farbe der chinesischen Flagge, die sonst keine andere hätte, und streckt ihrem Bruder tretend die Beine und gehässig die Zunge entgegen.
Er bleibt dabei.
Dann lenkt er ab, deutet mit einem Kopfnicken auf die Dame hinter seiner Schwester, er flüstert, da die Blonde. Eine Frau, die mir gegenüber sitzt, ist gemeint, und verdreht die Augen in ihr Buch.
Sie schlägt ihre Beine übereinander, stöhnt einmal genervt, fast theatralisch laut, und blättert jetzt die Seiten extra laut um.
Die Kinder kichern, sie dreht sich um, nur dem Jungen kann sie in die Augen blicken, sagt aber nichts, er guckt, seinem Blick lässt sich weder Furcht noch sonst eine unbedeutende Regung oder Wendung erkennen.
„Jaaha“, nickt die Blonde und hebt ihren Finger, besprenkelt mit giftgrünem Nagellack, dabei eine geöffnete Flasche haltend, wackelt damit herum, zerrt noch in der Drehung ihr adrett geschnittenes Damenkleid zurecht, die Flasche verliert braune Flüssigkeit, und eine ältere Dame neben ihr blickt ihr vorwurfsvoll entgegen.
„Na, passen Sie doch auf!“, mahnt sie.
Die Blonde zuckt die Schultern, „Komm ma klar, Oma.“
„Also“, empört sich diese, ihr wird jedoch das Wort durch entwertendes „Jaha, blabla, Oma“ abgeschnitten, sie blickt kopfschüttelnd aus dem Fenster, regt sich noch vier Haltestellen über die Unverschämtheit ihrer Sitznachbarin auf, ist jedoch nicht bereit, sich einen neuen Platz im gegenüberliegenden, leeren Viererabteil zu suchen.
Die Mutter sieht aus dem Fenster, pult an ihrer Kamera samt Kamerazubehoer herum, die anderen Kinder, die die Erwachsene im Abteil nicht mit Mama ansprechen, vielleicht doch ihre, vielleicht Verwandte, vielleicht Freunde, sitzen schweigend.
Dann ist es still.